Zeitreise: 18 Jahre seit der Diagnose

Zeitreise: 18 Jahre seit der Diagnose

Happy Diaversary to me – mein Diabetes wird dieses Jahr quasi volljährig, 18 Jahre sind seit der Diagnose bereits vergangen. Und weil man schließlich selbst zum 18. Geburtstag oft den in Erinnerungen an die Kinderjahre schwelgenden Verwandten ausgesetzt ist, muss mein Diabetes da jetzt auch durch. Los geht die Zeitreise. 😉


Diabetes mellitus Typ 1 Diagnose


Es begann so, wie es immer beginnt.

8 Jahre war ich also alt, und die typischen Symptome wie Gewichtsabnahme, viel Durst und entsprechend oft auf die Toilette sind uns hier und heute mittlerweile allen bekannt – mir und meiner Familie damals aber nicht. Nach einigen Wochen ging es erstmal zum Kinderarzt und von dort direkt in die Klinik. Es war der 20.03.2000 und ich wurde mit einem Hba1C von 12,3% – das entspricht einem durchschnittlichen Blutzucker von 324 mg/dl – stationär aufgenommen.

Leider habe ich keinen Anamnesebogen mehr und weiß nicht mehr, wie hoch mein Wert genau war – aber die Diagnose war ja klar: Diabetes mellitus Typ 1. Ich weiß noch, dass ich in diesem kargen Raum saß und ein riesiges Glas mit irgendeiner Zuckerlösung trinken musste, die meinen Blutzucker wahrscheinlich erst recht jenseits der 600mg/dl katapultiert hat. Danach kam ich an einen Tropf, vermutlich mit Insulin. Und irgendwann saßen wir im Besprechungsraum des Arztes, der meinen Eltern die Diagnose eröffnet hat. Sie haben geweint und ich hab nicht verstanden, was da los ist. Nur irgendwas von wegen „Keine Süßigkeiten mehr“, und dann hab ich auch geweint. Die vielen guten Schokocroissants, die mir nun entgehen würden!


Diabetes mellitus Typ 1 Diagnose Spritzplan


Nie wieder Süßes?

In den nächsten Tagen hat sich das mit „Keine Süßigkeiten mehr“ aber wieder revidiert – man konnte den Diabetes ja schon so revolutionär gut einstellen. Nicht. Es wurde ein Spritz- und Essplan erstellt: Morgens um 7 Uhr 2 BE, um 9.30 Uhr eine Zwischenmahlzeit mit 1 BE, um 12.30 Uhr 4 BE, 15 Uhr wieder 1 BE Zwischenmahlzeit, 18.30 Abendessen mit 3 BE, 21.30 Uhr Spätmahlzeit mit 1 BE. Ich hab diesen Plan nicht mal mehr irgendwo und kann ihn immer noch auswendig. Diese Menge an BE bzw. Kohlenhydraten musste auch gegessen werden, ob man Hunger hatte oder nicht – es musste ja auch die feste, passende Menge Insulin gespritzt werden. Ahja, Spritzen, da war ja was.


Diabetes mellitus Typ 1 Diagnose Insulin Spritzen


Es gab viel zu lernen in den Wochen nach der Diagnose.

Ich lernte also in der Klinik auch, wie ich mir selbst Insulin spritzen kann. Dazu hatte ich zwei verschiedene Insuline – von Lilly, genannt wurden sie einfach „Alt“ und „Basal“, in einer roten und einer blauen Durchstechflasche. Das Basalinsulin musste im Kühlschrank gelagert werden. Vor dem Spritzen musste man es herausnehmen und ein paar Sekunden lang in der Handfläche rollen, dann wurde es trüber. Anschließend wurde in einer der roten Einwegspritzen zuerst die Menge an Insulin, die man gleich benötigen wurde, mit Luft aufgezogen und in das Insulinfläschchen gespritzt. Anschließend wurde das Fläschchen umgedreht und die entsprechende Menge heraus gezogen. Die Nadel musste noch nach oben gehalten werden und mit dem Finger wurden eventuelle Luftblasen heraus geschnippst. Anschließend Spritzstelle aussuchen, Hautfalte bilden, Spritze im 90°-Winkel einstechen und nach dem Reindrücken des Kolbens ungefähr 10 Sekunden warten. Alt- und Basalinsulin konnte man mischen, solang man die wichtige Regel „Erst Alt, dann Basal“ befolgt hat und musste sich so wenigstens nicht doppelt stechen. Diese Prozedur habe ich auch viele Jahre mehrmals am Tag durchlebt – auf Pens wurde ich erst deutlich später umgestellt.



Als Schulungsbuch hatte ich einen Ordner mit dem Namen „Diabetes-Buch für Kinder“. Hauptdarsteller war Jan, ein fiktiver Junge, der auch auf dem Titel auf seinem Fahrrad zu sehen war. Hier wurde man, relativ kindgerecht mit vielen Bildern und wenig Text, auf das neue Leben als Diabetiker vorbereitet und an Themen wie Messen, Spritzen, Essen und Kohlenhydrate heran geführt.



Tatsächlich ist mir die Anfangszeit mit Diabetes noch relativ klar im Gedächtnis. Ich musste auch relativ schnell wieder in die Schule und dort von Messen bis Spritzen alles allein managen musste – Integrationshelfer gab es einfach nicht. Dafür war ich auch die einzige, die in der zweiten Klasse bereits ein Handy hatte, um im Notfall die Eltern erreichen zu können. Außerdem fanden es erstaunlich viele meiner damaligen Freunde cool, mich auch mal Spritzen zu dürfen und hatten da gar keine Berührungsängste – was ich heute nicht mehr behaupten kann 😀 Es war aber natürlich nicht nur alles locker und einfach, denn ich wurde auch oft nicht mehr auf Geburtstage eingeladen, da die Eltern der Kinder die Verantwortung nicht übernehmen wollten. Je älter ich wurde, desto mehr haben aber auch fremde Eltern eingesehen, dass ich das ganz gut selbst managen kann.


Diabetes mellitus Typ 1 Diagnose Insulin Spritzen


Ich weiß – 18 Jahre Diabetesdauer sind keine riesige Zeitspanne. Andere haben es ja schon 28 Jahre, oder 38 oder 48. Ich weiß – wenigstens musste ich nicht mehr meine Glasspritzen auskochen oder zur Blutzuckerbestimmung zum Arzt gehen und dann eine Woche aufs Ergebnis warten. Trotzdem hoffe ich, mein Rückblick war zumindest ein bisschen interessant für euch und vielleicht könnt ihr euch, wenn ihr zu einer ähnlichen Zeit diagnostiziert worden seit, an ein paar Dinge ebenfalls erinnern 🙂


Was ist euch von der Diagnose besonders im Gedächtnis geblieben?


Vielen Dank an dieser Stelle an Lisabetes, Sandriabetes und Corinna, die mir mit Relikten aus alten Zeiten ausgeholfen haben!

Das könnte Dich auch interessieren:

3 thoughts on “Zeitreise: 18 Jahre seit der Diagnose

  1. Tronar

    Ich finde es krass, dass Du im Jahr 2000 noch mit Flaschen und Spritzen therapiert wurdest, statt mit Pens. Das ist ja barbarisch, gerade bei einem Kind. Mein Diabetes brach 1996 aus und ich bekam zum Glück direkt die ICT mit zwei Pens erklärt.

    1. Ach naja, es war halt keine Diabetesklinik – sondern die stinknormale Kinderklinik in der Nachbarstadt. Ich denke mal, daran lags, dass die rückwirkend betrachtet scheinbar nicht die modernsten Behandlungsmethoden auf Lager hatten 😉

  2. Andreas

    Happy Diaversary Ramona! Klasse Idee, diesen Geburtstag positiv anzugehen. Bei mir ist er vor einigen Jahren ungefeiert, sogar unbemerkt, verstrichen und jetzt denke ich, wie viel lebensbejahender sich Deine Einstellung darstellt. Danke Dir für diese Sichtweise!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.