Glukosekurve vs. Nahrungsaufnahme

Glukosekurve vs. Nahrungsaufnahme

Keine Frage: CGM- und auch FGM-Systeme, die unseren Glukoseverlauf lückenlos darstellen, sind eine riesige Hilfe und aus dem Alltag der meisten Diabetiker nicht mehr wegzudenken. Doch zumindest für mich gibt es auch eine Kehrseite der Medaille: Perfektionismus.


Essen Diabetes Typ 1 Glukose Blutzucker FGM CGM


Die Lüge von der perfekten Linie

Als Social-Media-affiner Mensch wird man ständig mit ihnen konfrontiert: Perfekte, nahezu gerade Blutzuckerverläufe auf dem Display des Lesegeräts. Auch ich nehme mich davon nicht aus. Klar, wenn man gute Werte hat, ist man viel motivierter, diese zu zeigen, als wenn es gerade im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber geht. Aber: Wenn ich eine gerade Linie vorzeigen kann, dass ist dieses Foto meist in den frühen Morgenstunden aufgenommen worden und zeigt den Nachtverlauf. Nahrung habe ich zu diesem Zeitpunkt in den seltensten Fällen schon aufgenommen und abends sieht die Kurve dann schon eher nach, nunja, einer Kurve eben aus. Und keiner geraden Linie mehr.

Trotzdem wird man schnell dazu verleitet, zu denken, dass diese schnurgeraden Glukoselinien die Norm wären. Dass man ein schlechter Diabetiker ist, wenn die Werte darunter oder darüber liegen. Es begann schon schleichend mit dem Libre, aber für mich persönlich hat sich dieser selbstgemachte Druck nochmal verstärkt, seit ich das Dexcom G5 nutze. Werte außerhalb des Zielbereichs werden direkt in gelb oder gar rot markiert, Boom, nimm das, du hast etwas falsch gemacht. Das ganze noch untermalt vom lieblichen Alarmton und der selbstgemachte Stress ist perfekt.


Essen Diabetes Typ 1 Glukose Blutzucker FGM CGM


Der eigene Alarm im Kopf

Mittlerweile bin ich zu einer regelrechten Blutzucker-Furie mutiert, die ihre Werte auf jeden Fall im Zielbereich halten will. Sehr gesund und lobenswert und vorbildlich, keine Frage. Doch manchmal ist das halt einfach nicht möglich, die Tausenden von möglichen und unmöglichen Gründen sind uns allen bekannt. Und trotzdem: Noch bevor der Alarm des CGMs losgeht, geht der Alarm in meinem eigenen Kopf los.

160. Tendenz steigend. Nach dem Essen. Ja, gut, ist halt so, so nach dem Essen. Sogar bei gesunden Menschen. Aber wenn der Wert noch weiter steigt? Was, wenn du einen falschen Bolus abgegeben hast? Vielleicht hört er ja bei 180 auf, weiter zu steigen. Vielleicht aber auch erst bei 280. oder 380. Ding, ding, ding.

In solchen Momenten ruhig zu bleiben und nicht den nächsten Wutbolus abzugeben, fällt mir wirklich schwer. Eigentlich sollte mir die jahrelange Erfahrung zeigen, dass Blutzuckeranstiege, gerade nach dem Essen, ganz normal sind. Oder dass es beim Ausdauersport auch mal ein bisschen bergab gehen kann, bei mir aber selten bis in die totale Hypo. Eben dass komplett gerade Linien nicht immer möglich sind.*


Essen Diabetes Typ 1 Glukose Blutzucker FGM CGM


Glukosekurve versus Essen

Und hier kommen wir auch schon zum eigentlichen Knackpunkt. Als ich vor gut 1,5 Jahren angefangen habe, aktiv abzunehmen, habe ich mit dem Intervallfasten begonnen und behalte das auch bis heute so bei. Unter der Woche nehme ich vor 12 Uhr kein Essen zu mir und die letzte Mahlzeit ist das Abendessen gegen 19 Uhr. Dadurch ist mir meistens bis zur ersten Mahlzeit eine wunderbar flache Kurve garantiert – und der Ehrgeiz, diese beizubehalten, ist angestachelt. Mittlerweile erwische ich mich oft dabei, wie ich absichtlich die Kohlenhydrate weglasse, nur um sie nicht falsch zu berechnen. Oder im Restaurant nach den Alternativen suche, die ich gut mit Insulin abdecken kann anstatt derer, auf die ich Lust habe. Oder wie ich mir überlege: „Ist es dieses Essen wirklich wert, dass du dir damit deine Kurve zerschießt?“ – auch wenn die Werte nach wenigen Stunden vermutlich wieder im Normbereich wären oder diesen vielleicht gar nicht verlassen. Meistens ist die Antwort Nein.


Ich habe auch auf Instagram und Facebook herum gefragt, ob noch jemand ähnliche Beobachtungen bei sich gemacht hat. Einige berichteten, den Spritz-Ess-Abstand wieder besser einzuhalten oder sich bei Hypos nicht mehr so vollzustopfen. Anderen vergeht aber, wie mir auch, die Lust auf bestimmtes Essen, wenn danach zwei Pfeile senkrecht nach oben auf dem Display zu sehen sind oder sie achten viel mehr auf ihre Ernährung.


Habt ihr auch das Gefühl, dass sich eure Wahrnehmung auf Essen und den Diabetes verändert hat, seit ihr CGM oder FGM nutzt? Erlebt ihr es ausschließlich als Erleichterung und könnt die Werte neutral betrachten und auswerten – oder verfallt ihr wie ich in Perfektionismus?


Essen Diabetes Typ 1 Glukose Blutzucker FGM CGM

 


*Ich weiß, dass einige Diabetiker solche flach verlaufenden Glukosekurven hin bekommen, auch ohne Closed Loop – sei es durch extremes Low/NoCarb, minutengenaues Einhalten des SEA oder anderen Bemühungen. Ich selbst sehe mich da eher als „Durchschnittsdiabetiker“ und spreche auch diese an. Für mich persönlich ist es nicht das Ziel, Glukoseverläufe zu erreichen, die selbst Stoffwechselgesunde nicht haben.


 

Das könnte Dich auch interessieren:

3 thoughts on “Glukosekurve vs. Nahrungsaufnahme

  1. René

    Hey Ramona!
    Ich wollte nur sagen, dass dein neuer Blogpost mal wieder echt super ist! Und sei nicht so hart zu dir selbst wegen die Werten… Ich bin leider auch nicht besser, seit ich das Dexcom G5 besitze, achte ich viel mehr darauf das die Kurve in der Mitte ist!

    Liebe Grüße
    René

  2. Andreas

    Liebe Ramona,
    ja, ein Hoch auf die Kurve !!!
    Eine gerade Linie erinnert mich – medizinisch und menschlich gesehen – an eher Unerfreuliches. So etwa an: kein Herzschlag —, kein Lachen : I , langweilige Aussicht ===, und Ähnliches. Okay, eine ebene Fläche beim Fahrradfahren oder ein flacher Bauch sind da vielleicht die löblichen Ausnahmen, aber eine schöne Bergwanderung, Fahrradfahren hangabwärts oder liebliche Kurven oberhalb des Bauchbereichs (na ja zumindest bei den Damen) ändern schon wieder die Perspektive : ).
    Kurve ist Leben, Leben ist Kurve!
    Bleibt also eigentlich nur allen Diabetikern zu wünschen: Hoffentlich kriegen wir alle die Kurve in unserem Leben! : )
    Liebe Grüße,
    Andreas

  3. Hi Ramona,
    Danke für den tollen Artikel.
    Die neue Mode der “Diabetische Asystolie“ kenne ich nur zu gut. NUR durch LowCarb oder penibles bzw. absichtlich falsches Spritzen und null Sport (ja, schwitzen gehört dazu) habe ich damals solche Linien hinbekommen. Eine Sisyphusarbeit! Wem haben wir/ich das mitunter zu verdanken? Nein, Ehrgeiz kommt an zweiter Stelle :). Social Media! Viele leben ihr Leben nach “Likes“, “Herzchen“, “Views“.
    Mich bzw. mein Diabetes 😉 hat der Scheiß ebenfalls eine Zeitlang so beeinflusst, dass ich meine Ernährung eine Zeit lang auf extrem gesund umgestellt habe, dass jeder Biobauer auf Knie gegangen wäre oder mir einen Schrein gebaut hätte 🙂
    Ergebnis. Super Linie, war ja nichts für nen Blutzuckeranstieg da. Aber! 3kg abgenommen. Toll? Nein, ich wiege normalerweise 68/69kg. Bei einer Größe von 1,77m ist das doof und nicht gut. Außerdem nimmt jeder ab, der weniger Kohlenhydrate zu sich nimmt. Überschüssige Kohlenhydrate werden als Glykogen in Verbindung mit Wasser gebunden (1 g Glykogen bindet ca. 3-4g Wasser) und logischerweise auch andersherum 🙂
    Der normale Körper, der nicht im Land der Zuckerjunkies lebt, fährt morgens, mittags und abends ebenfalls immer Achterbahn, wenn er isst, krank usw. oder Hormonschübe hat.
    Wir sind leider die Genies mit HighTech am Arm, Bauch oder Blutigmessungen die das Unsichtbare sichtbar macht.
    Fazit:
    Ja, ich werde mich weiterhin gut ernähren. Gute langkettige Kohlenhydrate und viele Ballaststoffe funktionieren ebenfalls sehr gut.
    Ich werde aber auch weiterhin Schrott essen, wenn ich Lust dazu habe und akzeptiere die Berg- und Talfahrten.
    Dann ist es eben nicht 6.5 sondern 6.8 oder 7.0
    Dein Blog ist klasse. Danke. Hast mich für eine Podcastfolge inspiriert. Die werde ich Deinem Blog widmen.
    LG
    Sascha

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.