Diagnose Diabetes während des Auslandsjahrs in Australien

Diagnose Diabetes während des Auslandsjahrs in Australien

Auf Karo bin ich aufmerksam geworden, als sie unter einem meiner Facebook-Postings etwas über ihre Diabetes-Diagnose erzählt hat – mitten während ihres Auslandsjahrs in Australien 2005. Für die Allermeisten wäre das ein Grund, abzubrechen und sich in den nächsten Flieger nach Hause zu setzen. Nicht so für Karo: Die ist einfach dageblieben. Eiskalt. Grund genug, dieses Diabadass um ein Interview zu bitten!



Hallo Karo! Erzähl mal – wieso hast du zu diesem Zeitpunkt ein Auslandsjahr gemacht, warum fiel die Wahl auf Australien und was hattest du dort gerade so getrieben?

Vor meiner Abreise beendete ich meine Ausbildung zur Industriekauffrau. So ziemlich gegen Ende dieser sprach ich oft mit einer Freundin über ein anschließendes Jahr im Ausland. Irgendwann stießen wir dabei auf einen Artikel über Work & Travel in Australien und nach einiger Recherche war mir klar – das muss ich machen!

Meine Freundin wollte dann doch nicht mehr mit, warum, weiß ich nicht mehr genau. Da ich etwas ängstlich war, ganz alleine so weit weg zu reisen, gab ich in mehreren verschiedenen Zeitungen unserer Stadt Anzeigen auf, dass ich Mitreisende suche. 2005 war ich noch nicht so viel im Internet unterwegs und kannte Facebook noch nicht… Es gab auch wirklich Einige, die sich daraufhin meldeten – bei einem stimmte sogar auch der Reisezeitraum mit Meinem überein. Er wollte ein halbes Jahr mit Work & Travel durch Australien reisen, bei mir war ein ganzes Jahr geplant. Anfang September flogen wir also los, Rico und ich, mit dem Ziel Sydney. Dort kauften wir uns gemeinsam ein Auto und planten unsere Weiterreise.

Leider wurde aber nach knappen 3 Wochen in Down Under alles anders…


So sah ich eine Woche vor Einlieferung ins Krankenhaus aus.

Und dann kam auf einmal die Diagnose: Diabetes mellitus Typ 1. Erzähl doch mal von deiner Diagnose!

Schon noch zu Hause in Dresden nahm ich in etwa 15kg an Gewicht ab. Ich schob das aber auf den Prüfungsstress am Ende der Ausbildung, auf die Trennung von meinem damaligen Freund und die Krebserkrankung meiner Oma. Vor meinem Abflug ließ ich mich sogar nochmal komplett beim Arzt durchchecken, mit Allgemeinuntersuchung sowie Blut- und Urinspiegel. Ich hatte gelesen, dass bei einigen Arbeitsstellen in Australien Gesundheitszeugnisse vorgelegt werden müssen – dieses erhielt ich ohne Auffälligkeiten.

Wenn ich jetzt im Nachhinein meine damaligen Reisetagebücher ansehe, fällt auf, dass ich sehr oft durstig war. Besonders im Flugzeug musste ich sehr oft die Flugbegleiter rufen und nach Getränken fragen – blöderweise bevorzugte ich auch noch Orangensaft – und ich kannte so ziemlich jede öffentliche Toilette Sydneys.

Wir waren dann in den Blue Mountains unterwegs, einem Nationalpark unweit von Sydney. ich hatte wieder Einiges an Gewicht verloren und trank in etwa 5 Liter Wasser täglich. Dort bekam ich sehr schlimme Magenkrämpfe, kam nicht mehr aus dem Bett und ließ den Rico dann schon alleine die Umgebung erkunden. Deshalb entschieden wir schon nach 4 Tagen, wieder nach Sydney zurück zu fahren.

Leider besserten sich die Magenkrämpfe auch dort nicht, zusätzlich bekam ich starke Hautausschläge und schmerzende Entzündungen im Intimbereich. Auch krass waren Wahnvorstellungen, bei denen ich fremde Menschen an meinem Bett sah – das Herzrasen danach blieb die ganze Nacht. Dadurch lieferte mich der Rico am folgenden Morgen des 26.09.2005 im Sydney Eye Hospital ab. Dort kam ich auch direkt in die Notaufnahme, die Diagnose Diabetes wurde sehr schnell festgestellt und ich bekam Insulin über zwei Tage durchgehend durch zwei Katheter in jede Armbeuge.


Sydney

Anstatt das Auslandsjahr abzubrechen, bist du aber einfach dort geblieben – dann halt mit Diabetes! Wie wurdest du eingestellt?

Zum Glück war ich nicht ganz auf mich allein gestellt. Rico kam jeden Tag ins Krankenhaus und blieb so bei mir. Dafür werde ich ihm auf ewig dankbar sein, auch wenn wir jetzt leider keinen Kontakt mehr haben.

Das Krankenhauspersonal versuchte mir zu erklären, was die Diagnose für mich bedeutet, aber das war alles noch sehr unwirklich für mich. Als die Katheter nach zwei Tagen ab kamen, wurde ich zunächst noch gespritzt. Jedoch kostete eine Nacht im Krankenhaus über 800 Australische Dollar, deshalb gab ich auch schon nach den zwei Tagen bekannt, dass es mir finanziell nicht möglich ist, noch lange zu bleiben. Also musste ich am dritten Tag lernen, mich alleine zu spritzen.

Das erste Mal selbst spritzen war, wenn ich mich jetzt so zurückerinnere, das Schlimmste nach der Diagnose. Nicht die Aussicht, dass mein Leben sich ändern wird. Nicht die fünf anderen schlimm kranken Männer in meinem Zimmer (unter denen Einer stark alkoholisiert war und vor dem ich Angst hatte, dass er aufsteht und zu mir kommt). Nein, das wirklich Schlimmste war das erste Mal selbst spritzen.

Ich saß mit dem Pen auf meinem Bett und die 8mm lange Nadel war für mich wie ein Messer, dass ich mir in den Bauch rammen sollte.

Für jeden Diabetiker liest sich das jetzt sehr albern – aber ein Gesunder, der sich selbst vor Impfungen beim Arzt fürchtet, kann das vielleicht etwas nachvollziehen. Es standen drei Schwestern und ein Arzt um mich herum und ich rührte mich nicht. Irgendwann sagte die Schwester, die mir auch versuchte, alle Neuerungen in meinem Leben grob zu erklären, sehr laut auf Englisch: „Du stirbst, wenn du das nicht tust!“, nahm meine Hand, die den Pen hielt, und stach ihn mir in den Bauch…

Letztendlich war das alles dann doch nicht so schlimm, wie ich damals erwartete. Die nächste Spritze konnte ich mir ohne Probleme auch selbst setzen und meine Entlassung für den nächsten Tag ankündigen. Im Krankenhaus rief mich täglich meine Mama an und teilte mir mit, dass sie kommen würden, um mich nach Hause zu holen – aber das redete ich ihr aus. Ich wollte zumindest erstmal versuchen, weiter zu reisen und nicht direkt am Anfang abzubrechen. Meine Eltern überwiesen mir auch einen hohen Geldbetrag für den Krankenhausaufenthalt, Insulin und Teststreifen, weil ich die hohen Kosten dafür erst nach meiner Rückkehr bei der Krankenversicherung einreichen konnte. Dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar! So war ich nicht sofort darauf angewiesen, mir Arbeit suchen zu müssen.



Wie ging es nach dem Krankenhaus weiter und wie war die erste Zeit „allein“ mit der Krankheit?

Am folgenden Tag erhielt ich zwei Pens. Einen mit NovoRapid für die Mahlzeiten, den ich in den Bauch spritzen sollte und einen mit Lantus, den ich ins Bein spritzen sollte. Vom Krankenhaus nahm ich dann ein Taxi ins Diabeteszentrum in Sydney Darlingharbour, wo mich meine neue Diabestesschwester Penny Morris schon erwartete.

In Australien gibt es nicht nur den Arzt bzw. Diabetologen, sondern auch Betreuer in Diabeteszentren, die einen schulen und im Alltag betreuen. Die Mitarbeiter stehen immer im ständigen Austausch mit den Diabetologen über die Werte und besprechen, was geändert werden sollte. Penny besprach mit mir meine Essenszeiten, ungefähre Essensmengen und die entsprechenden Insulinmengen dazu. Wir telefonierten jeden Tag in der ersten Woche oder ich ging zu ihr. Ich las ihr meine Werte aus dem Tagebuch vor und sie sagte mir, wie ich die Insulineinheiten ändern soll.

So pendelte sich mein Blutzuckerspiegel ganz gut ein und mit dem Versprechen, dass ich mich weiterhin so gut bei ihr melde, und mit Terminen bei ihr und dem Diabetolgen Dr. Weissberger in Sydney anderthalb Monate später, ließ sie mich bald gen Norden weiterreisen.


In Canberra

Hat sich die Diagnose darauf ausgewirkt, wie du den Rest deines Auslandsjahres gestaltet hast? Hast du irgendwelche Pläne geändert und wie hat sich deine damalige Therapieform darauf ausgewirkt?

Geplant war eigentlich eine einjährige Reise rund um den Kontinent und ein Abstecher ins Inland. Ein volles Jahr traute ich mir dann aber doch nicht mehr zu und verkürzte die Planung auf ein halbes Jahr. Da ich immer wieder nach Sydney zu Dr. Weissberger und Penny musste, änderte sich auch die Route.

Als Erstes ging es in den Norden Richtung Brisbane, von dort aus Arbeit suchen, dann weiter bis ganz in den Norden und wieder zurück nach Sydney zu den Pflichtterminen.

In Brisbane fanden wir leider keine Arbeit für kurze Anstellung und reisten deshalb nach Bundaberg, da dort leichter Arbeit zu finden war. Wir meldeten uns beim Fruit Picking, ernteten Tomaten und setzten Kartoffelpflanzen. Das war wirklich die Hölle, da ich einen Monat nach dem Krankenhaus auch noch nicht topfit war. Auf den Feldern war es über 40 Grad heiß, meine Pens behielt ich in einer Thermoskanne bei mir. Das funktionierte auch super, nur in Airlie Beach räumte wohl ein anderer Backpacker meinen Nahrungsbeutel inkl. Insulinpens vom Kühlschrank in den Frost um und mein Insulin war futsch…  Die Apotheke konnte mir aber zum Glück schnell aushelfen.

Von Sydney aus ging es nach Canberra und Melbourne und über Weihnachten und Silvester wieder zurück nach Sydney. Weil kurz vor Sydney leider unser Auto kaputt ging, trennten sich dort auch Ricos und meine Reisewege. Unterwegs rief ich oft bei Penny an und las ihr mein Blutwertetagebuch mit Insulineinheiten vor. BE oder Kohlenhydrateinheiten kannte ich damals noch nicht, also konnte sie mir immer nur sagen, wann und ob ich zu viel oder zu wenig spritzte. Ich hatte 4 Mahlzeiten am Tag, die ich immer ungefähr zur selben Zeit einhalten sollte.

Ich fuhr nach Neujahr mit dem Zug zurück nach Melbourne und arbeitete in einem Markt in einem Burgerladen. Ende Januar kam dann mein damaliger bester Freund nach Australien, der mich abholen wollte. Wir buchten dann für den letzten Monat eine Bustour auf der Great Ocean Road nach Adelaide, den Ghan (Zug) ins Red Centre zu einer Outback-Tour zum Uluru, wo wir viel wanderten, und den Flug zurück nach Sydney.

Anfang März ging es dann schon zurück nach Deutschland.


Sydney

Ich finde das wahnsinnig mutig von dir, dass du das Auslandsjahr trotz allem nicht abgebrochen hast! Wie findest du deine Entscheidung im Nachhinein und hast du ein paar Worte an frisch Diagnostizierte?

Ich bin schon stolz, dass ich die Reise trotz des Diamonsters durchgezogen habe, aber auch etwas traurig, dass ich nicht das ganze Jahr durchgezogen und dadurch auch nicht den ganzen Kontinent gesehen habe.

Ich habe jetzt zwei Kinder, beide zum Glück gesund, und seit der ersten Schwangerschaft 2007 eine Insulinpumpe. Wenn beide groß sind habe ich aber vor, auch den „Rest“ des Kontinents zu erkunden!

Allen frisch Diagnostizierten möchte ich auf den Weg geben, dass es zwar nervt, immer auf den Blutzucker achten zu müssen, jedoch muss man sich nicht unbedingt einschränken lassen. Reisen sind möglich und auch alles Andere wie vorher. Man sollte eben nur auf gut verlaufende Blutwerte achten.

In den letzten Jahren hat sich auch mit der Technik viel entwickelt. Es gibt kleine Insulinpumpen, die unauffällig am Körper getragen werden können und CGM-Systeme, womit man jederzeit die Werte auf dem iPhone bzw. Smartphone im Auge behalten kann. Ich selbst trage auch einen Dexcom G5 seit über einem Monat.

Man darf sich von der Krankheit nicht „runter ziehen“ lassen, sondern sollte einfach nur die Krankheit akzeptieren und lernen, gut und glücklich damit zu leben!


Das Tattoo habe ich mir an meinem 10. Diaversary geschenkt!

Wenn ihr Fragen an Karo direkt habt, könnt ihr sie via Facebook kontaktieren!

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One thought on “Diagnose Diabetes während des Auslandsjahrs in Australien

  1. Wow, Diabetes kann wirklich eine sehr dringliche Krankheit darstellen. Stark von dir, dass du dich nicht unterbekommen lassen hast und deine Reise nicht komplett abgebrochen hast. Erschreckend, dass man so viel Gewicht verlieren kann! Alles Gute Dir!

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